Was wäre die Welt nur ohne mich?
Ich habe bereits geniale Erfindungen für einen lebenswerteren Alltag ersonnen, da konnten andere nicht einmal sprechen. Dennoch bin ich *GOTTSEIDANK* bodenständig geblieben, Untugenden wie Selbstüberschätzung, Blasiertheit oder gar Arroganz sind mir glücklicherweise fremd. Dies muss an meinem überaus liebenswerten, geduldigen und toleranten Wesen liegen, ich konnte schon immer gut mit weniger Begabten. Wäre auch richtiggehend angeschissen, sei dem anders… Nichts desto trotz bedarf auch ich zeitweilig der Anerkennung Dritter, darum hier eine kurze Übersicht meiner Errungenschaften für die Menschheit.
Am Anfang stand der Dübel

Natürlich, Dübel existierten schon lange vor meiner Zeit, aber meine Ableitung, der Nübel, wurde von mir im Alter von etwa drei Jahren entwickelt. Rein theorethisch, versteht sich.
Aufgewachsen unter Frauen, kannte ich Bohrmaschinen nur vom Hörensagen. Immer wieder ärgerte es mich, wenn mir das Familienfoto, unsachgemäß mittels eines Nagels über meinem Bett befestigt, unmotiviert des Nächtens auf meinen wertvollen Schädel prallte. Also erdachte ich eine stählerne Hülse mit Spreizarmen, welche sich ausbreiten mögen, sofern ein Nagel in sie geschlägen würde. Um ein Herausrutschen des Nagels zu verhindern, besäße dieser eine ringförmige Nut, die in eine entsprechende Aussparung im Nübel einrasten könne. Einziges Manko: Ein derartiges Konstrukt wäre nur noch unter nennenswerten Kolateralschäden wieder aus der Wand zu entfernen.
Kürzlich im Baumarkt erspähte ich genau eine solche Konstruktion. Hieß natürlich nicht Nübel, aber ich war zu aufgebracht, mir den Namen des Plagiats zu merken. Ich hätte meine Tagebücher niemals ins Altpapier geben dürfen.
Das Rad

Auch das Rad war schon eine Weile bekannt, bevor ich jedoch mit vier Jahren, motiviert durch eine familiäre Reifenpanne erdachte, dass es doch möglich sein müsse, über ein elektronisches Gerät jederzeit während der Fahrt den Reifendruck eines Fahrzeuges zu überwachen. Im Falle eines Falles könne dann doch ein vulkanisierender Schaum in den defekten Reifen eingespritzt werden, so dass dieser weiter als Pannenrad verwendbar bliebe. Lange Zeit sträubte sich die Ersatzreifenindustrie gegen eine Umsetzung meines Konzeptes.
Heutzutage baut Mercedes-Benz ein exakt so ausgelegtes System in seine Oberklassenflotte ein. Ich glaube ein Kindergartenbekannter ist seinerzeits nach Stuttgart ausgewandert…
Windows/MacOS

Leider besaßen meine Eltern nicht das erforderliche Vermögen, mir den lange und heiß ersehnten Alto von Xerox PARC zu Weihnachten zu schenken, also ersann ich meine eigene graphische Oberfläche durch Skizzen im Sandkasten und nannte sie "Fensterbank". Diese war damals bereits mutiuser- und -sessionfähig, beherrschte Multitasking und besaß eine bis heute nicht erreichte Auflösung und Farbtiefe, je nach verwendeter Sandkörnung und -färbung. Da war ich fünf und geriet häufig wegen bröseligen Desktoprückständen in der Unterwäsche mit meiner Mutter in Konflikt.
Nach wie vor bin ich davon überzeugt, das Steve Jobs seine Inspiration für den Macintosh keineswegs im PARC erfuhr, sondern der elende kleine Austauschschüler des Nachbarjungen aus Cupertino sich, kaum wieder zuhause, gutgehend verplappert hat. Soviel ich weiss, hat er aber auch noch nie einen müden Taler von Jobs gesehen. Der Drecksack. Beide, jetzt.
Wave

Ich war etwa neun, als ich mir überlegte, dass Medien wie Email, Internetforen, colaborative working und Multimedia doch in einem allumfassenden Konzept auch synerigistisch zusammenfassbar sein müssten. Ich entwarf also ein entsprechendes Objektmodell (damals noch mit Filzstiften auf Disneypapier) und nannte es Blup. Sicher, das Internet für die breite Masse existierte damals noch nicht, somit auch weder Email, noch Foren oder youtube, aber ich war eben schon immer meiner Zeit voraus.
Heute, 25 Jahre später, testet Google gerade mein Konzept, ohne jemals meinen Namen genannt zu haben. Ich könnte schwören, der amerikanische Touristenjunge, der mir seinerzeit im Phantasialand meine Roger-Rabbitt-Aktentasche geklaut hat, sah Larry Page zum Verwechseln ähnlich…
Web 2.0

Als Teenager entdeckte ich die soziale Interaktion mit Artgenossen langsam und allmählich für mich. Mir leuchtete aber nicht ein, wieso alle Personen, mit denen ich mich austauschen wollte, ebenfalls zu mir in meine Stammkneipe kommen sollten? Im Informationszeitalter musste es einfach andere, effektivere Wege dazu geben! Ich entwickelte also eine Skizze eines Social Networks und erfand gleichzeitig das mobile Internet als Dreingabe, denn was nützt einem ein soziales Netz, wenn es einen an einen einsamen Ort fesselt?
Dummerweise saß der Gründer von "Wer-kennt-wen" am Nebentisch, als ich, juvenil bierberausch vielleicht ein wenig zu laut sprach. Entweder hat dieser zuvor auch an seine Kontakte in den USA gesungen, oder aber Mark Zuckerberg befand sich seinzeits auch in Koblenz, an diesem Abend.
CERN

Zu guter Letzt habe ich wohl auch das CERN maßgeblich initiiert, als ich nicht einsehen wollte, wieso man Erbsen in einem Blasrohr nicht derart beschleunigen könne, dass sie beim Gegneranprall auch ordnungsgemäß zwiebelten und ich einen Erbsenbeschleuniger konstruierte, der nach und nach immer kleinere Partikel verlangte und so manch Erkenntnis abwarf, die die Forscher in Genf bis heute nicht zu begreifen vermögen.
Statt mich einfach zu fragen, bauen sie ein ein trilliardenteures Monstrum, das nicht einmal funktioniert, während ich seinerzeits nicht einmal 25 Euro fürs Material ausgegeben habe…
Im Fazit muss ich die Frage nach meiner Verbitterung ob meiner noch immer persistierenden Armut verneinen. Ich war nie an dem grossen Geld oder internationaler Anerkennung interessiert, für mich zählten stets der bloße Dienst an der Menschheit. Ich weiss um meine Errungenschaften, ich muss sie nicht an die große Glocke hängen. Manchmal eine kleine Anerkennung durch die, die mir wichtig sind, und schon bin ich zufrieden. Bin halt einfach bescheiden geblieben.
Tags: Egoismus, Lifestyle, Selbsterkenntnis
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